Leitartikel "kontakte" 2-2014

80 Jahre Theologische Erklärung von Barmen

1934 – Barmen. Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus. Eine zerrissene und politisch missbrauchte Kirche
– Kirchenkampf in Deutschland. Im Mai 1934 finden sich in Barmen-Gemarke eine Handvoll Theologen zusammen und erklären, was aus ihrer Sicht zur Grundlage der Kirche in Deutschland gesagt werden sollte. Aus Sicht des Staates und der Deutschen Christen, die das Regime unterstützen, soll das Führerprinzip alle Bereiche des Lebens beherrschen, auch das kirchliche.

Karl Barth und andere Theologen der Wort-Gottes-Theologie erkennen, dass dieser Totalitarismus dem reformatorischen Zeugnis widerspricht. Vom 29.-31. Mai 1934 kommt die Barmer Reichssynode zusammen,
beschickt mit 139 Vertretern aus 18 Landeskirchen, darunter 52 Nicht-Theologen. Sie bilden eine Art „Gegenkirche“ gegen die verfasste DEK (Deutsche Evangelische Kirche), die sich – so die Lesart – zahlreicher Rechts- und Verfassungsbrüche schuldig gemacht hat und damit den Anspruch verwirkt hat, rechtmäßige Leitung der deutschen Kirche zu sein. Es wird die Barmer Theologische Erklärung angenommen, die im Wesentlichen auf die Formulierungen Karl Barths zurückgeht.

Sie besteht aus sechs Thesen, die mit Bibelworten beginnen. Sie enthalten Bekenntnisse zu Jesus Christus, zur christlichen Gemeinde und zur Rolle des Staates und fügen schließlich zu jedem Thema einen Verwerfungssatz an, der die Differenz zur herrschenden öffentlichen Ideologie markiert. Barmen-Gedenken und Reformationsjubiläum 2014 wird im Rheinland der Erklärung gedacht. Und nicht nur im Rheinland. Denn auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 markiert die Barmer Erklärung im 20. Jahrhundert einen reformatorischen Aufbruch, der zu den Quellen zurückführt und gerade dadurch eine unbequeme Zeitansage wird. Wie können wir uns die damaligen Worte vergegenwärtigen? Was braucht unsere Kirche in der Zeit des demographischen Wandels, der langsam abnehmenden Mitgliederzahl und angesichts zahlreicher Kritikpunkte an der Volkskirche? Wo ist unsere Theologie erkennbar, was ist unsere Zeitansage? Welche Hoffnung treibt uns? Ist die intelligente und konsequente Mission des Evangeliums heute verstärkt unsere Aufgabe? Kann uns Barmen dabei helfen? Bloßes Wiederholen der Worte von damals hilft uns sicher nicht, aber vielleicht die Erinnerung an eine Kirche in bedrängter Zeit, die ihre Ohnmacht gespürt hat und gerade dadurch das Wesentliche klarer sehen konnte. Fragen zur Orientierung Der Stachel des reformatorischen Denkens, der sich im 16. Jahrhundert gegen die damalige totalitäre Ordnung menschlichen Lebens durch die mittelalterliche Kirche richtete, aktualisiert sich 1934 gegenüber dem totalitären deutschen Staat. Die Barmer Thesen buchstabieren die Kernthemen der Reformation nach. Nicht umsonst enden sie bewusst mit dem Satz „Verbum Dei manet in aeternum“ („Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.“). Die Reformatoren Luther und Calvin setzten das Studium der Bibel in die Mitte ihrer Predigt und Lehre und gaben dem Suchen nach Wahrheit damit einen eindeutigen Bezugspunkt, an dem sich Christen aller Zeiten immer wieder orientieren sollen. Die Barmer Erklärung ringt um Orientierung für das christliche Leben in der Gegenwart. Aus heutiger Sicht vermissen viele Kritiker klare politische Positionierungen der beiden großen Kirchen gegen das Unrecht der nationalsozialistischenRegierung, gegen die Judenverfolgung und gegen den sich abzeichnenden Angriffskrieg. Innerhalb der Kirche gab es 1934 keine Einigkeit zu den politischen Bewertungen. Umso wichtiger war das, was gemeinsam gesagt werden konnte. So ging es um die Frage: Was darf von den Kanzeln gepredigt werden? Für wen darf im Gottesdienst gebetet werden? Was sollen die Kinder und Jugendlichen im Unterricht lernen? Aktualität der Fragestellungen Diese Fragen stellen sich auch heute: Für welche Menschen und Berufsgruppen wird gebetet? Das kann durchaus hochpolitisch sein – denken wir an die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien, an die afrikanischen Flüchtlinge, die am Mittelmeer ihr Leben riskieren, an die Flüchtlinge, die wir in Köln willkommen heißen, an die Bürger der Ukraine, an Polizisten, Bundeswehrsoldaten, UN-Soldaten und Grünhelme. Die Synode von Barmen konzentrierte sich auf das Fundament der Kirche und ließ sich gerade nicht übermächtige politische Fragestellungen aufnötigen. Der Anspruch heute kann daher lauten: Kirche darf sich nicht von den Kräften gesellschaftlicher, sozialer und politischer Gestaltung treiben lassen, sondern sie hat vom Wort Gottes geleitet die Veränderungsprozesse mitzugestalten. Auf welchem Wege? Zuerst durch gründliche Predigten, treue Fürbitten und die Weitergabe der Grundlagen des Glaubens an Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Bayenthaler Gemeindegeschichte und die Botschaft von Barmen
Im Mai 2005, im Jahr des 100. Jubiläums unserer Reformationskirche, wurde außen am Gemeindehaus eine gut sichtbare Gedenktafel angebracht. Sie informiert über die Geschichte des Martin-Luther-Hauses. Das Presbyterium hatte sich zuvor intensiv mit der Geschichte der Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus befasst und entschieden, dass für Besucher eine sichtbare Hilfe zum Verständnis der problematischen Architektur angebracht werden soll. Oft kommen Besuchergruppen zum Haus – ihnen soll die damalige kirchlichen Lage und die heutige Sicht der Gemeinde erläutert werden. Das Presbyterium betrachtet das Portal mit dem abgeschlagenen SA-Mann als Mahnmal und erhält es als solches. 1984 wurde bereits ein Gedenktext im Foyer angebracht, der aber Besuchern in der Regel nicht aufgefallen und von außen nicht zu sehen ist. Im Mahnmalführer Köln,1 der 2010 erschienen ist, ist die neue Tafel erwähnt und vollständig zitiert. Heute ist für Besucher unseres Gemeindehauses und für Stadtführungen der Charakter des Portals als Mahnmal gegen den Nationalsozialismus und als Ermutigung zur wachen Zeitgenossenschaft auf Grundlage der Heiligen Schrift und des christlichen Bekenntnisses deutlich und klar.

Der Texte der Tafel hat folgenden Wortlaut:
„Das Martin-Luther-Haus wurde 1933/34 errichtet. In dieser Zeit wechselte die Gemeindeleitung in die Hand der national-sozialistisch geprägten Deutschen Christen. Deren enge Verbindung von Christentum und nationalsozialistischer Ideologie wurde durch die gleichberechtigte Darstellung Martin Luthers und eines SA-Mannes symbolisiert. Der SA-Mann wurde 1945 abgeschlagen, die Umrisse blieben erhalten. Sie wurden 1984 als Mahnmal mit einem kritisch deutenden alttestamentlichen Spruch versehen. Damit erinnert die Gemeinde an das Versagen und die Schuld der Gemeinde und großer Teile der evangelischen Kirche. Die Bekennende Kirche erklärte schon im Mai 1934: `Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.´ (Barmer Erklärung, These 1) Daraus folgt auch für uns heute, dass die Kirche kritisch gegenüber jedem Zeitgeist zu sein hat und ihr Glaubenszeugnis immer wieder neu am Evangelium von Jesus Christus prüfen muss.“

Einladung zur Gemeindefahrt am 20. September
Um die Diskussion über die „wache Zeitgenossenschaft“ und die kirchliche Zeitgeschichte zu fördern, bieten wir am Samstag, dem 20. September, eine Fahrt in die Wuppertaler Ausstellung „Gelebte Reformation. Zwischen Widerstand und Anpassung. Die Barmer Theologische Erklärung 1934-2014“ an. Wir bekommen eine Führung in der Ausstellung, die in der Gemarker Kirche zu sehen ist. Die Kirche ist ein Ort, an dem Versöhnung gelebt wird. Weltweit einzigartig stehen seit 2002 Kirche und Synagoge in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Die evangelische Gemeinde hatte der jüdischen Gemeinde für den Neubau der Synagoge ihr Grundstück zur Verfügung gestellt. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat den Bau finanziell gefördert. Das verdeutlicht die Neubestimmung des Verhältnisses von Christen und Juden in der Gegenwart und ist damit ein unübersehbares Zeichen gegen die lange und dunkle Geschichte der Judenfeindlichkeit, die sich ebenfalls von der Reformation bis in die Geschichte nach 1945 fortschreibt. Die Ausstellung über die Entstehungsund Wirkungsgeschichte der Barmer Theologischen Erklärung wird dazu einladen, sich an authentischem Ort damit auseinander zu setzen, welche Orientierung der christliche Glaube in der Gegenwart gibt. Nach dem Mittagessen ist der Besuch der Alten Synagoge vorgesehen, die heute eine Begegnungsstätte ist. Abfahrt wird voraussichtlich am Samstag um 9.30 Uhr, die Rückkehr wird am Nachmittag sein. Ein Mittagessen ist vorgesehen.

Nähere Angaben folgen in der nächsten Ausgabe der „kontakte“. Die Anmeldung ist bis zum 10. September im Pfarrbüro möglich.

Bernhard Seiger

1 Hans Hesse und Elke Purpus, mahnmalführer köln. ein führer zu kölner denkmälern zur erinnerung an verfolgung und widerstand im nationalsozialismus, Köln 2010, S.73f
Gedenktafel des Martin-Luther-Hauses
Die evangelische Kirche von Barmen-Gemarke

Glauben

Der Herr ist mein Hirte
Vor kurzem besprach ich im Konfirmandenunterricht den Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“). Die Konfirmanden konnten die Bilder problemlos entschlüsseln. Das Verhältnis Gott – Mensch entspricht dem Verhältnis Schaf – Hirte. So wie ein Hirte sich um seine Schafe kümmert, versorgt Gott den Menschen mit allem Lebensnotwendigem. Wir kamen zu dem Vers: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.“ Damit sich die Botschaft des Psalms den Konfirmanden in ihrer Lebenswelt erschließt, fragte ich sie, wann sie sich wie in einem finsteren Tal fühlten. Ein Konfirmand antwortete: „Wenn ich mit meinem Handy kein Netz habe.“ Einige lachten, ich schmunzelte auch. Nach einer Weile wurde deutlich, dass das empfangsbereite Handy den Kontakt zu den Freunden und die Organisation des sozialen Lebens garantiert. Das finstere Tal kann für jeden Menschen auf seine Weise Gestalt annehmen.

Glaubenskurse
Kein Empfang – keine Orientierung. Ein Mann steht in einem Kornfeld auf seinem Autodach, mit einer Hand hält er sein Handy in die Höhe, in der anderen hat er eine Straßenkarte. Dieses Bild findet sich auf dem Titel einer Broschüre des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, mit dem zu einer Reihe von Glaubenskursen eingeladen wird. Auch in unserer Gemeinde werden wir neben Bibelkreis und Glaubensgespräch solche Glaubenskurse anbieten.

Die Bezeichnung „Kurs“ legt nahe, dass man bei diesen Veranstaltungen etwas über den Glauben lernen kann. Tatsächlich wünschen sich auch die Teilnehmer des Bibelkreises und des Glaubensgesprächs Hintergrundinformationen zu Bibeltexten und Grundwissen über Glaubensthemen. Menschen, die auf der Suche nach dem Glauben sind, fragen nicht selten nach überzeugenden, nachvollziehbaren Gründen, den christlichen Glauben anzunehmen. Sie möchten Zweiflern und Kritikern, zu denen sie vielleicht selbst gehörten, etwas entgegensetzen. Natürlich kann man Grundwahrheiten suchen und z. B. annehmen, dass durch das Christentum das Liebesgebot in der menschlichen Ethik eine entscheidende Rolle erlangt hat. Man wird aber doch den Gegnern zustimmen müssen, dass das Christentum die Welt im Grunde nicht erneuert hat.

Es gibt nach wie vor Unheil, Leiden und Tod. Die Suche nach Gründen für die Annahme des christlichen Glaubens erweist sich als wenig fruchtbar. Dieser Glaube bezieht sich nicht auf ein lernbares Grundwissen über das Leben, sondern auf den lebendigen Gott. Daher reicht bloßes Wissen nicht aus. Die Namen der Eltern in einer Geburtsurkunde sagen noch nicht, was es heißt, Vater und Mutter zu haben. Erst das gemeinsame Leben mit ihnen lässt den Wert eines Vaters und einer Mutter erkennen. Glauben braucht Wissen. Jedoch kann nur ein Mensch glauben, der dieses Wissen mit seiner Existenz konfrontiert. Der sich von diesem Glauben befragen lässt. Der Anfang vieler Glaubenswahrheiten ist verständlich und erklärbar. Jeder Mensch kann verstehen, was Vergebung bedeutet; dass aber Gott ihm vergeben hat, das kann er nicht einsehen, sondern nur glauben.

Der Glaube an Jesus Christus
Martin Luther schreibt in seinem Kleinen Katechismus zum dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ Welch eine Entlastung für jeden, der den Glauben bisher für einen inneren Kraftakt gehalten hat. Dieser Satz auf den Punkt gebracht, könnte lauten: Glauben ist Hören. Nicht mehr. Man wird gerufen. Berufen durch das Evangelium.

Dieses Evangelium handelt von Jesus Christus. Von seiner Geburt, seinem Leben und Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung. Mit der historischen Forschung kann bewiesen werden, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und am Kreuz gestorben ist. Dies kann überzeugend sein, führt einen aber nicht zwingend zum Glauben. Das Evangelium versteht diese Ereignisse nicht als eine reine quellengestützte historische Tatsache, sondern als die Tat Gottes in dieser Welt. „Das Wort ward Fleisch.“ Dieser Satz aus dem Johannesevangelium macht aus der Geschichte Jesu Christi ein Ereignis, das die Welt überschreitet. Mit Jesu Kommen hat die Welt eine Wende erfahren. Unsere Geschichte hat seither die Möglichkeit gewonnen, durch Vergebung und Liebe geprägt zu sein. Das ist weder konstatierbar noch erlebbar, sondern kann nur geglaubt werden. Es kann geglaubt werden, wenn man es für seine Existenz erschließt und sie im Lichte des Evangeliums betrachtet. Als wer hört man das Evangelium? Diese Frage ist die Grundfrage in den Gesprächen des Glaubens, seien sie im Stillen oder in Gemeinschaft geführt.

Freiheit
Wenn man die Botschaft des Evangeliums hört und sich ihr in seiner Existenz aussetzt, wenn man also glaubt, dann bleibt das nicht folgenlos für das Sein in der Welt. Im Glauben erkennt man das Kommen Jesu Christi in diese Welt, seinen Tod und seine Auferstehung als eine Wende der Zeiten. Der Glaube führt nicht zu einer magischen Verwandlung, sondern fragt, ob ein Mensch mitseinem Leben dieser neuen Zeitrechnung angehören will. Das Wort Gottes schwebt nicht wie eine überzeugende Idee im leeren Raum, sondern trifft den Glaubenden als einen, der in seiner bestimmten Geschichte steht.1

Der Apostel Paulus charakterisiert dieses neue Sein im Brief an die Gemeinde in Korinth als eine gewandelte Betrachtung der eigenen Lebenssituation. „Fortan sollen auch die, die weinen, so sein, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1. Korinther 7,29-31). Mit dem Sein „als ob nicht“ hat der Mensch schon Anteil an dem neuen Sein. Er gewinnt Freiheit durch eine innere Distanz zur Welt. Diese Freiheit führt aber nicht in die Weltflucht oder in die Askese, sondern stellt den Menschen mitten ins Leben. In der inneren Distanz zur Welt geht sie mir erst recht ganz nahe und im Glauben bin ich gefragt, wie mein Handeln davon zeugt.

André Kielbik

1 Anmerkung: vgl. R. Bultmann, Zur Christologie, in:
Glauben und Verstehen I, S. 109

 

 



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